Dienstag, 25. Januar 2011

Zu Besuch im Abschiebegefängnis


Hintergrund
Jede Woche gehe ich mit der bezoekgroep (Besuchsgruppe) auf Besuch ins Abschiebegefängnis Schiphol-Oost. Einmal Mittwoch abends und in der darauffolgenden Woche dann Freitag abends, um Gefangene aus beiden dortigen Abteilungen besuchen zu können.
Insgesamt sitzen im Gefängnis bei Schiphol ca. 70 männliche und weibliche Flüchtlinge, die meistens direkt vom Flughafen abgefangen wurden, weil sie keine (echten) Papiere hatten. Die meisten Insassen sind jedoch männlich und erschreckend jung - kaum älter als ich. Die Menschen werden hier mit dem Ziel festgehalten, sie wieder ins Land der Einreise zurückzuschicken, nicht etwa, weil sie ein Verbrechen oder etwas dergleichen begangen hätten.

Besuch
Auch beim 100. Besuch im Abschiebegefängnis Schiphol-Oost muss noch jedes Mitglied der bezoekgroep seinen Ausweis vorzeigen, anders kein Einlass. Dann passieren Schlüssel, Schuhe, Gürtel und andere Dinge getrennt von den Besuchern den Metalldetektor, der bei vergessenen Metallgegenständen unheimlich laut piept.
Hat es auch der letzte Besucher durch die Maschine geschafft, werden wir von den Wärtern in den Besuchsraum geführt, welchen wir vor dem Eintreffen der Gefangenen noch etwas herrichten - Tischdecken, Wörterbücher, Spiele, Obst, Saft, Schokolade und diverses Knabberzeug.
Dann werden die Insassen hereingeführt.
Hände werden Geschüttelt, Insassen wiedererkannt, Insassen vermisst. Manchmal weiß man nicht, was besser ist.
Die Perspektiven der Gefangenen sind so oder so eine Wahl zwischen Pest und Cholera. Die Hälfte wird wieder in ihr Einreiseland zurückgeschickt - Einreiseland, nicht Herkunftsland. Viele Flüchtlinge können aber nicht direkt aus ihrer Heimat ins Zielland kommen und machen deswegen oft einen weiten Umweg über mehrere Zwischenländer. Das Bedeutet, dass eine Frau aus Somalia nach Marokko abgschoben wird, oder ein junger Mann aus dem Gaza-Streifen, in China landen soll.
Besteht keine Chance auf Aussetzung (z.B. weil die Herkunft eines Flüchtlings nicht nachgewiesen werden kann), dann kann ihre Haft auf bis zu 18 Monate verlängert werden. Spätestens nach Ablauf dieser Zeit, werden sie einfach so vor dir Tür gesetzt - ohne Geld, Dach über dem Kopf, oder Arbeitserlaubnis - mit der Aufforderung, das Land binnen 24 Stunden zu verlassen. Oft werden sie dann nach einiger Zeit wieder gefangen genommen und aufs Neue inhaftiert.

Die Gespräche
verlaufen erstaunlicherweise immer ziemlich gut, obwohl man nicht immer eine gemeinsame Sprache findet. Manche Insassen können dann auch wiederum für andere übersetzen usw. Aber eigentlich sind sie meistens einfach nur froh, dass jemand da ist, denen sie ihr Herz ausschütten, ihr Leid klagen, oder von ihrer Familie zu Hause erzählen können. Egal, ob man nun jedes Wort versteht, oder nicht. Meistens versuche ich, nicht zu viele persönliche Fragen zu stellen, um ihnen nicht das Gefühl zu geben, sie würden verhört. Die Grenze zwischen Interesse zeigen und zu weit fragen ist doch sehr schmal. Und wenn ein Gespräch mal schwieriger läuft, spielen wir dann oft einfach ein gemeinsames Spiel, um eben gemeinsam zu lachen, und die Flüchtlinge ihre Situation eben vergessen lassen zu können. Doch wie gesagt, meistens erzählen sie erstaunlich viel und fassen schnell Vertrauen - die Besuchsgruppe, die schon Jahrelang besteht, muss demnach einen sehr guten Ruf unter den Gefangenen haben.
So kenne ich von manchen Insassen, die ich von Woche zu Woche wiedersehe, fast die ganze Geschichte. Es ist so schön zu sehen, wie gut es vielen tut, Besuch zu bekommen und zu sehen, dass sich nicht jeder nur einen Dreck um sie schert. Oft herrscht sogar ziemlich heitere Stimmung, z.B. wenn ich verzweifelt versuche, mir arabische Begrüßungsfloskeln zu merken und auszusprechen, oder die Insassen untereinander spaßeshalber mit Saft dealen. 

Da muss ich schon manchmal aufpassen, dass ich nicht unpassenderweise "toll" antworte, wenn mich jemand fragt, wie meine Besuche im Gefängnis denn so sind. 


 Denn schlussendlich sind sie nur inhaftiert, weil sie versucht haben, ihr Leben zu verbessern, zu verändern oder schlichtweg zu retten. Grundlegende Menschenrechte werden ihnen teilweise verwährt. Die Sicherheit FÜR die Insassen ist nicht ausreichend gewährleistet. So kamen am 27. Oktober 2005 11 Flüchtlinge bei einem Brand im Zellenkomplex in Schiphol ums Leben, dank unzureichender Sicherheitsvorkehrungen. Auch heute noch wird ihnen gedacht, u.a. bei den sonntaglichen Mahnwachen am Gefängnis, an denen ich auch teilnehme (siehe Bild).

Ein Familienvater aus dem Libanon sagte in den ersten Gesprächen einmal zu mir: "Meinst du, ich wollte von zu Hause weg? Ich hatte eine Familie, ein Haus, Arbeit, sogar einen eigenen kleinen Transportwagen. Wenn ich eine Wahl gehabt hätte, hätte ich dann mein gesamtes Hab und Gut, mein Leben zurückgelassen? Nein. Ich wollte nicht weg. Aber wäre ich geblieben, wären meine Familie und ich jetzt wahrscheinlich tot."
Die, die Motivation für Immigration mit schlichter Habgier begründen, täten gut daran, einen Schritt weiter zu denken. Man kann nur alles zurücklassen und alles auf eine Karte setzen, wenn man schlichtweg nichts mehr zu verlieren hat. Und wer Schuld an den miserablen Zuständen in armen und Kriesenländern hat, sind genau die Länder, die Immigranten aus eben diesen Ländern später nicht haben wollen. Soviel meine Meinung dazu. Danke, Welt.

Wer Interesse daran hat, sich darüber hinaus über die Besuchsgruppe zu informieren, kann sich diese beiden Links anschauen:


Außerdem möchte ich euch/Ihnen nochmal die Catholic Worker Amsterdam - Homepage ans Herz legen, die u.a. die Mahnwachen organisieren. Also wir. Also mit uns. Genau.

Ansonsten freut sich die Besuchsgruppe auch immer über neue Mitglieder, bei Interesse also unbedingt melden!

Naja, ich jedenfalls habe das Gefühl, mit diesen Besuchen das Richtige und etwas Gutes zu tun, wenn ich schon nicht den Weltfrieden herbeizaubern kann, was, zugegebenermaßen, ein doch etwas hoch gestecktes Ziel wäre.

5 Kommentare:

  1. Respekt vor den Leuten, die sich für solche Menschen einsetzen, deren Perspektive nicht sehr aussichtsvoll ist. Bin stolz darauf, daß du zu solchen Menschen gehörst, die anderen in hoffnungslosen Situationen einen Lichtblick schenken können....

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  2. Schön geschrieben, carolinchen :)
    ich denk an dich<3

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  3. Johannes Schilling23. Mai 2011 um 19:13

    Danke, das sind viele wichtige Informationen! Menschen ohne Perspektiven und ohne jede Aussicht auf konkrete Hilfe für ihre Situation beizustehen, das ist schon ein Entschluss, den ich sehr achte.
    Bei einer Stelle habe ich mich gefragt, was die Niederlande oder die BRD für die schlechte Situation im Libanon können? Und gibt es in den Niederlanden nicht so etwas wie ein Asylrecht? Oder trifft das dortige Asylrecht für die in diesem Gefängnis festgehaltenen Menschen nicht zu? Ich kenne mich da nicht sehr aus...

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  4. Vielen Dank!
    Das tiefergreifend zu erklären wäre wohl etwas zu viel für eine Kommentarfuktion, deswegen fasse ich meine Meinung eben kurz unter folgendem Schlagwort zusammen: Ausbeutung. Von der Kolonialtzeit bis hin zur Unterstützung von Waffenhandel heutzutage.
    Und das Asylrecht gibt es wohl, das beinhaltet nur eben auch das Recht, Menschen in solche Gefängnisse zu stecken.

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