Montag, 18. April 2011

Demonstration (Platform Stop Racisme en Uitsluiting)

Die Demonstration, die am 14.03.11 auf dem Dam Square in Amsterdam stattfand, ist zwar schon ein bisschen länger her, dennoch will ich euch folgende Bilder/Videos nicht vorenthalten.
Rund 1000 Menschen sind auf die Straße gegangen und haben mittels Kundgebungen und eines Protestmarsches sehen lassen, dass es doch noch Leute gibt, die sich gegen die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen hier stellen.


(Wenn man aber die Relation sieht im Vergleich zu den rund 750.000 Einwohnern Amsterdams, steht das schon wieder in einem anderen Licht)
Aber wir wollen ja nichts schlecht machen, es war definitiv ein Statement, dass z.B. der Protestmarsch einfach mal die ganze Innenstadt blockiert und den (öffentlichen) Verkehr lahm gelegt hat. Und es ist immer gut zu sehen, dass man nicht alleine steht.
Organisiert wurde das Ganze von der Platform Stop Racisme en Uitsluiting (Plattform gegen Rassismus und Ausgrenzung).










 


















Samstag, 9. April 2011

Was zur Hölle muss denn noch passieren??

Was zur Hölle muss denn noch passieren, bis jemand wach wird?

Vor zwei Tagen hat sich ein Mensch auf dem Dam Square in Amsterdam - mitten im Stadtzentrum, ca. 5km von mir weg - in Brand gesteckt und ist gestern seinen Verletzungen erlegen. Der Grund für diese Tat war bis heute unbekannt und Spekulationen entflammten in den Medien - verzweifelter Arbeitsloser? Psychisch Kranker?

Falsch. Das wahre Motiv ist seit heute bekannt: Der Mann war Asylbewerber.


Der gebürtige Iraner Kambiz Roustayi (36) verweilte schon seit mehr als zehn Jahren in den Niederlanden. Die Asylanfrage dieses Mannes, der im Herkunftsland regimekritische Meinung publizierte und dem dort deswegen Folter und Gefängnis drohen, wurde nach all diesen Jahren zum wiederholten Male abgewiesen.

Und Kambiz Roustayi steht nicht alleine damit. Viel zu oft sitzen Flüchtlinge in endlosen Gerichtsverfahren, wodurch sie nirgends ein normales Leben beginnen können: weder im Herkunftsland, wo sie ihres Lebens nicht sicher sind, noch im Zielland, in diesem Fall den Niederlanden, wo sie von der Welt abgeschieden in Asylsucherzentren leben müssen. An den Rand der Zivilisation gedrängt, mit dem Finger draufgezeigt, mit dem Wort "Illegale/r" bestempelt. Nein, diese Zeit, in der Asylbewerber in ihrem Asylprozess sitzen, und einfach nur abwarten müssen, ohne Handlungsmöglichkeit, ohne die Erlaubnis zu arbeiten, kann man definitiv nicht als „leben“ bezeichnen. Das Einzige, das bleibt, ist die Hoffnung auf ein "Positiv", eine Aufenthaltsgenehmigung. Was ein gegenteiliger Befund für diese Menschen bedeuten kann, wurde durch Kambiz Roustayi’s Verzweiflungstat deutlich.

Wenn ich mir durchlese, was ich geschrieben habe, merke ich, dass sich diese Geschichte liest, wie ein besonders dramatischer, schlechter Krimi - und doch bist das alles traurige Realität.
Wie aussichtslos kann die Situation eines Menschen sein, dass sie ihn zu so einer Tat treibt? Ein öffentlicher Hilfeschrei eines Einzelnen, der für viel zu viele spricht, und der die unmenschliche Asylpolitik der Niederlande offenlegt.

Und was passiert? Nichts. Ein paar niedergelegte Blumen, ein paar Beiträge über traumatisierte Augenzeugen, fertig. Was, WAS BITTE muss denn noch geschehen, bis die Menschen und vor allem die Politik anfängt zu denken? Wann fängt jemand an, sich dafür zu interessieren, dass die Asylpolitik völlig unzureichend ist, und nicht jedem, wie in der Theorie vorgesehen, die gleichen Chancen lässt?

Artikel 1 des Niederländischen Grundgesetztes besagt: „Allen die zich in Nederland bevinden, worden in gelijke gevallen gelijk behandeld. Discriminatie wegens godsdienst, levensovertuiging, politieke gezindheid, ras, geslacht of op welke grond dan ook, is niet toegestaan.”
(Alle, die sich in den Niederlanden befinden, werden in gleichen Dingen gleich behandelt. Diskriminierung aufgrund von Religion, Lebensweise, politischer Gesinnung, Rasse, Geschlecht oder jeglicher anderer Gründe ist nicht zulässig.)

Bloße Theorie? BlaBla ohne Hand und Fuß?
Was ist aus der Genfer Konvention geworden, die noch vor ein paar Jahrzehnten so überzeugt unterzeichnet wurde? Schnee von gestern?

Meine ehemalige Mitbewohnerin aus Liberia sitzt noch immer im Abschiebegefängnis im Rotterdam - 4 volle Monate! Sie ist laut Richterbeschluss legal, sie darf nicht im Gefängnis sitzen. Aber wen interessiert's? Den IND (Immigrations- & Neutralisationsdienst) sicherlich nicht. Ihre Anfrage auf medizinisch-psychologische Hilfe wurde zum zweiten Mal abgewiesen. Wöchentlich kommt der DT&V (~ Abschiebeorganisation) bei ihr zu Besuch, setzt sie in dieser verletztlichen Position immer wieder aufs Neue unter Druck, droht ihr mit Abschiebung, schüchtert sie ein mit dem Ziel, ihren Willen zu brechen, damit sie „freiwillig“ zurückkehrt, da man sie in diesem Moment per Gesetz nicht aussetzen kann. Und das dichte ich hier nicht nur des Dramas wegen hinzu, das ist wirklich Teil des „Asylprogrammes“ hier. Permanente Einschüchterung, Arbeitsverbot, und Umsiedlung von ASC (Asylsucherzentrum) nach ASC in regelmäßigen Abständen, um zu verhindern, dass die Migranten hier Wurzeln schlagen und sich zu Hause fühlen können.

Wie kann man denn eine so verwundbare Minderheit immer noch mehr abdrängen? Wenn nicht ein brennender Selbstmörder mitten im Stadtzentrum die Menschen wachrüttelt, was bitte muss denn noch passieren???

(vom 08.04.11)

Montag, 7. März 2011

Der steinige Weg eines Asylbewerbers

Dass der Versuch, hier Papiere zu bekommen, nicht nur nicht einfach ist, sondern ein echter Kampf ist, konnte man meinen vorherigen Einträgen ja schon entnehmen.

Was genauer mit Menschen passiert, die hier Asyl anfragen, versuche ich euch hiermit ein bisschen näher zu bringen. Dazu aber noch im Voraus: ich bin weder studierte Juristin, noch habe ich mich mit diesem Thema schon mein Leben lang befasst. Dies ist kein Expertenbeitrag, ich versuche nur, deutlicher zu machen, wie einzelne Schritte aussehen können.

Vielfältig sind die Wege von Migranten in die Niederlande. Meistens haben sie viel Geld an Leute bezahlt, die ihnen dann eine mögliche Einreise organisieren - via Flugzeug, Transporter, per Schiff... Oft dauert es lange Zeit, bis sie wirklich hier, an ihrem eigentlichen Ziel ankommen, da sie nur via mehrere verschiedene Länder hierherkommen können, und manchmal schon dort für einige Zeit im Gefängnis sitzen (z.B. in Griechenland, Italien). 

Zunächst einmal zu der Frage, was es bedeutet, illegalisiert zu werden:
Der Status "illegal" bedeutet, man hält sich gesetzlich unrechtmäßig im Land auf. Man muss immer und überall befürchten von der Fremdenpolizei erwischt, festgenommen und ins Abschiebegefängnis gesteckt zu werden, um dort auf seine Aussetzung zu warten. Und mit der neuen Regierung der Niederlande, die Illegalität strafbar stellen will, wird man dadurch sogar zum Straftäter. Dazu werde ich noch einen anderen Blogpost schreiben.
Link folgt hier.

Zur Asylprozedur: Einmal hier angekommen, können die Migranten hier Asyl anfragen. Alle, die hier das erste mal Asyl anfragen, sind bis zum Zeitpunkt der Bekanntgabe des Ergebnisses legal. Sie wohnen z.B. in Asylsuchercentren, wo sie jede Woche stempeln müssen. Nach einer Menge Papierkram und Wartezeit, bekommt ein Großteil ein "Negativ" - man wird zum Abgewiesenen und muss das Land verlassen. Solange man hier ist, ist man dann illegal. Wer kein Asyl anfragt, ist von vornherein illegal
Wer hier ein zweites, drittes... usw. Mal Asyl anfragt, darf das Verfahren nicht in den Niederlanden abwarten. Wer das doch tut, ist illegal
Nach nervenaufreibenden Monaten und Jahren bekommen manche Asylsucher doch noch eine Aufenthaltsgenehmigung. Diese ist jedoch zeitlich begrenzt und muss nach einer bestimmten Zeit (z.B. 5 Jahre) verlängert werden. Wird das nicht getan, oder der Verlängerung nicht zugestimmt, werden sie illegal. Auch durch verschiedene Umstände kann man im nachhinein noch zum/zur Illegalen erklärt werden, z.B. wenn das Land der Herkunft später als sicher erklärt wird und dadurch der Flüchtlingsstatus verloren geht, durch Straftaten (wo schon Schwarzfahren ausreichend sein kann), wenn der Partner die Aufenthaltsgenehmigung verliert oder durch Scheidung und und und.

Sitzt ein "Illegaler" erst ein mal im Abschiebegefängnis gibt es noch zwei Möglichkeiten. Er/sie wird erfolgreich abgeschoben oder als Unaussetzbar erklärt. Das passiert z.B. wenn die Herkunft nicht nachgewiesen werden kann. In diesem Fall muss der Gefangene wieder freigelassen werden, mit dem Ersuchen, das Land binnen 24 Stunden zu verlassen. Ab diesem Punkt, wo er auf die Straße gesetzt wird, all seine Besitztümer in einer Plastiktüte, bekommt er absolut keine offizielle Hilfe mehr.

Im Idealfall bekommt ein Asylsbewerber erst eine zeitlich begrenzte und dann eine permanente Aufenthaltsgenehmigung und kann dann nach 5 Jahren die Niederländische Staatsbürgerschaft anfragen. Der Weg dorthin ist lang und steinig und die Anzahl derer, bei denen das wirklich gelingt, ist leider verschwindend klein.

Von was es abhängt, eine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen, scheint manchmal komplett willkürlich. Dem IND (Immigrations- & Neutralisationsdienst der Niederlande) fallen immer wieder ganz tolle neue Gründe ein, warum jemand kein Asyl bekommt - die Person kommt ganz sicher gar nicht aus angegebenem Herkunftsland, die Situation im Herkunftsland ist doch schon lange wieder ganz ungefährlich für betreffende Person, was du hier willst, kannst du auch zu Hause usw. Es scheint, als würden die um Aufenthaltsgenehmigungen würfeln, wenn zwei Menschen mit genau gleicher Geschichte, unterschiedliche Ergebnisse bekommen.

(An dieser Stelle breche ich die Theorie vorerst ab, da diese ganze Asylanfragen-Welt voll ist von Ausnahmen, Spezialfällen und -verfahren, Berufungsprozessen, abweichenden Regelungen etc., und das hier wohl etwas zu weit führen würde.)

Soviel jedenfalls zum Theoretischen. Ganz praktisch gesehen bedeutet das für diese Menschen einen Riesenstress und eine nervliche Zerreißprobe. Das merke ich hier im Haus vor allem im letzter Zeit sehr deutlich.
Das eeeeeewige warten auf nur einen einzigen Brief, die Abhängigkeit von Anwälten, die sich lieber um reichere Klienten kümmern, die permanente Angst vor dem, was kommt, das klammern an einen einzigen Hoffnungsschimmer und die ungewisse Zukunft bestimmen wirklich die Gedanken aller. Manche können das besser, andere weniger gut überspielen und/oder verdrängen.

Vor allem wenn ich mit dem Jungen in meinem Alter rede, wird mir das immer wieder schmerzlich bewusst. 21 Jahre, vor 10 Jahren mit der Familie hier hergekommen, einen Monat zu spät, um unter das General Pardon zu fallen, Asylanfrage abgewiesen & sich selber überlassen. Zukunftsperspektive? Negativ.
Wir sind doch beide Menschen, haben gleich viel Lebenszeit hinter uns und doch so eine unterschiedliche Lebensgeschichte. Was ist denn daran noch gerecht, wenn allein der Geburtsort Menschen privilegiert und andere benachteiligt? Ein paar unterschiedliche Längen- und Breitengrade, die einem alle Chancen verbauen können, während ich ein wohl behütetes, einfaches Kleinbürgerleben führe, und mir alle Chancen offen stehen. Ich kann einfach mal so realistisch davon träumen, in unterschiedlichen Ländern zu studieren, überall hin zu reisen, wo ich gerade will. Anderen bleibt nur der Traum. Dass es Menschen gibt, die nur äußeren Umständen wegen keine Chance haben, aus ihrem Leben das zu machen, was sie wollen, war mir vorher nicht so deutlich bewusst.
Und in dem Moment muss ich mich wirklich zusammenreißen, um mich nicht deswegen schlecht zu fühlen, dass ich in Deutschland geboren wurde.

Freitag, 25. Februar 2011

Halbjahres-Gedankenchaos

Jetzt ist es wirklich so weit - das erste halbe Jahr ist vorbei und alles in mir ruft: ich will hier nicht weg!
Ja ich weiß, es ist noch lange nicht die Zeit, mich aufs Gehen vorzubereiten und doch. Die vergangenen sechs Monate sind nur so an mir vorbei geflogen. Ich erinner mich noch daran, wie mir als Kind sechs Wochen Sommerferien wie ein halbes Leben vorkamen. Oder wie ich letzten Sommer kurz vor dem Abschied von zu Hause stand, und ein unendlich langes ganzes Jahr vor mir lag. Und jetzt kommen mir sechs Monate vor wie ein Augenblick - ein wunderbarer Augenblick.
 Es passiert einfach jeden Tag, jede Stunde und sogar jede Minute irgendetwas Neues oder Besonderes, dass ich gar nicht mehr damit hinterherkomme, jeden einzelnen Moment richtig wertzuschätzen. Es ist das Gefühl, jeden Moment am liebsten fünf Mal erleben zu wollen, um sich dessen auch wirklich bewusst zu sein. Aber alles fliegt einfach so an mir vorbei, genau wie die Zeit. Ich fühl mich wie ein Kind, das durch eine Süßigkeitenfabrik rennt und dabei versucht, möglichst viel aus den Regalen mitzunehmen, ohne stehen bleiben zu können (...um auch mal ne Metapher mit einzubauen).
Ein Jahr ist, zeitlich gesehen, nichts. (Warum wurden eigentlich die zweijährigen Freiwilligendienste abgeschafft?) Und ich bin sicher, dass die zweite Hälfte des Jahres dank Sommer, viel Besuch und vielen Ausflügen, noch schneller vorbei gehen wird. Und dann? Einfach so weg von hier? Im Moment unvorstellbar für mich. Ich liebe das Haus, meine Arbeit, die Menschen hier, Amsterdam und alles was damit zusammenhängt so sehr, und ich glaube, ich war mir noch nie im Leben so sicher, das Richtige zu tun. Wenn ich eine Wahl hätte, dann würde ich ohne zu zweifeln oder zu zögern noch ein Jahr hier bleiben.
Da das aber nicht zur Debatte steht, muss ich wohl anfangen, mich damit abzufinden, dass es eben EIN freiwilliges soziales Jahr ist. Dennoch wird mir der Gedanke, eventuell hier zu studieren, immer sympathischer. 

Ganz abgesehen davon, hat sich auch meine Einstellung den Bewohnern gegenüber (zeitweise?) ein bisschen geändert. Eigentlich konnte ich immer erstaunlich gut auch mit dem Leid um mich herum umgehen, und das alles nicht zu sehr an mich heranlassen. Aber seitdem ich gesehen habe, wie schnell sich eine Situation ins positive Verändern kann, und wie es für machne Bewohner endlich bergauf geht, wünsche ich mir das viel stärker auch für alle anderen. Sprich, ich würde im Moment lieber die Welt retten, anstatt kleine Schritte zu gehn. Und irgendwie fühlt man sich auch schuldig, weil man diese Probleme, die hier das ganze Leben eines Menschen bestimmen, nie hatte.

Sonntag, 13. Februar 2011

Caro im Kloster

[Achtung - folgender Artikel könnte sich an manchen Stellen als etwas sarkastisch und provokant erweisen. Wer damit nicht umgehen kann, sollte nicht weiterlesen.
Im Folgenden also die Meinung einer Person, die man in den vergangenen Jahrhunderten noch als "Ungläubige" betitelt hätte. Naja, heute vielleicht auch noch. In gewissen Kreisen.]

Wer anlässlich des Blogtitels große Augen bekommen hat oder loslachen musste, soll sich schämen! Es ist nicht soooo ungewöhnlich, dass ich mich in einem Kloster aufhalte. Okay, vielleicht ist es nicht gerade mein Lieblingsfreizeitbeschäftigung, aber dieses Wochenende habe ich mit meinen Kollegen in der St. Adelbertabtei Egmond Binnen verbracht. 






















Anlass war, kurz gesagt, ein paar Tage Besinnung & Rückzug und Teambuilding.


Weniger der Spiritualität wegen, als vielmehr, um mir selber was zu beweisen, hab ich auch fleißig an den Gottediensten teilgenommen. 6 Stück pro Tag, wenn man den Highscore holen möchte.
Vielleicht lag es daran, dass ich noch nie an einem kathoischen Gottesdienst teilgenommen hatte, oder dass es ein Gottesdienst in den Niederlanden war und oder daran, dass er in einer Klosterkirche stattfand oder daran, dass ich seit der Konfirmation meiner Schwester keinen Fuß mehr in eine Kirche gesetzt hatte - oder an der Kombination dieser vier Fakten. 
Auf jeden Fall dachte ich, ich bin im falschen Film, als ich im ersten Gottesdienst am Freitag Mittag saß. Schummerlicht, Mönche in schwarzen Kutten, die Psalme und Lieder singen, die sich anhören, als wäre gerade jemand gestorben, zehntausendmal die selben Gebetsfloskeln und ständig müssen sich alle verbeugen. Die letzten (evangelischen) Gottesdienste, die ich besucht hatte, habe ich deutlich anders im Kopf. 
Mir ist unerklärlich, wie man mit so einer Grabesstimung (andere würden es wohl "Besinnlichkeit" nennen) die Herrlichkeit Gottes feiern will. Wenn man schon so pro-Glauben ist und damit/darüber so froh ist, könnte man das doch wohl auch ein bisschen besser zum Ausdruck bringen?! Aber nein, immer dieses ewige "Ich bin ein Sünder, ich bin schlecht, die Welt ist schlecht, ich habs aber auch nicht anders verdient und hoffe auf deine Gnade" ist echt nicht mein Ding. (Eine Frage an meine katholischen Leser - sind wirklich ALLE katholischen Gottesdienste so?)

Nachdem der erste Schock dann überwunden war, habe ich mir die folgenden Gottesdienste damit verbracht, mich zu Dinge zu fragen: ob den Mönchen eigentlich nicht kalt ist, ob sie wohl noch zusätzlich Hosen unter ihren Kutten tragen, warum die (fast) alle singen können, wie man es durchhält, Wochen und Jahre jeden Tag sechs mal die gleichen Lieder und Psalmen in der gleichen Tonlage und mit den selben 4 Noten zu singen, ohne durchzudrehn, warum die Niederländer Gott siezen, warum es eigentlich Eva war und nicht Adam, die den größten Mist der ganzen Bibelgeschichte gebaut hat, was der Sinn von Weihrauch ist, der mir und vor allem den Mönchen die Augen brennen lässt, dass Alt-Niederländisch noch ein Stück mehr dem Deuschen gleicht als das heutige, wie gut es wohl ankommen würde, wenn ich den Gottesdienst-Revoluzzer spielen und n paar Verbesserungsvorschläge anbringen würde, dass wohl zu wenig Leute für eine Jesus-Laola-Welle anwesend sind, und wie vielen Leuten ich wohl mit meinem folgenden (diesem) Blogeintrag auf die Füße treten werde. Und, naja, zwischendurch hab ich wohl auch manchmal zugehört und mitgelesen. Es ist ja auch nicht so, dass ich mich darin nicht wiederfinde und es soll auch nicht der Eindruck entstehen, ich sei gegen Religion. Aber das? Das war mir doch zu... sagen wir mal, konservativ und farblos.

Außer diesem Gottesdienst-Marathon haben wir die Zeit dazu genutzt, uns als Team gegenseitig besser kennen zu lernen, das Jeanette Noelhuis seine Bedeutung und seinen Platz und in der Welt selbst (neu) zu definieren und Zunkunftspläne anzuschneiden. Darüber hinaus hatten wir fernab vom Noelhuis-Troubel auch mal wirklich Ruhe und Zeit für uns selber, was man "zu Hause" zu äußerst selten bekommt.
Alles in allem hat uns das Wochenende ziemlich gut getan, als Gruppe und jedem einzeln. Wir haben festgestellt, dass wir sehr harmonisch miteinander funktionieren, viel Gelacht und zwischendurch auch wirklich Zeit, über wichtige Dinge und/oder sich selbst nachzudenken.

Und was die Spiritualität anbetrifft,  habe ich meinen Horizont definitiv erweitert und ich muss zugeben, ich hatte vorher wirklich null Ahnung vom Katholizismus. Ich hätte nie gedacht, dass sich die beiden Konfessionen so stark unterscheiden.
Aber eins steht dennoch fest, ein katholischer Catholic Worker bin ich wohl eher weniger. 
Sorry, Dorothy.

Dienstag, 8. Februar 2011

"Waaaaaaaaaaaaaaaah...!"

(= Ausdruck der ungebändigten, überschwänglichen Freude)


Grund dafür sind zwei erfreuliche Nachrichten, die unsere Bewohner heute erreicht haben.


Zum einen wird die Aufenthaltsgenehmigung unserer Dominikanerin aufrechterhalten, beziehungsweise fortgesetzt!  Zum anderen hat eine unserer Bewohnerinnen heute die Nachricht bekommen, dass ihr Pass hier bei ihrer Botschaft angekommen ist und sie ihn morgen in Den Haag abholen kann! Nach über einem Jahr Kampf darum, stehen ihr und ihrer kleinen Tochter nun sämtliche Türen offen, was die Asylfrage anbelangt. 
Und ich kann das daraus resultierende Riesengrinsen auf meinem Gesicht nicht bändigen.Wie wunderbar es doch ist, so große Freude und Hoffnung mitzuerleben. 


Ich werde jetzt noch ein bisschen weiterfeiern. In diesem Sinne,
waaaaaaaaaah!
eure ganz-aus-dem-Häuschen-Caro

Montag, 7. Februar 2011

Neue Teller

Die letzte Woche war in vieler Hinsicht eine sehr intensive Woche für mich mit vielen einzigartigen und einprägenden Erlebnissen und Erfahrungen. Die haben Kopf & Herz derartig eingenommen, dass ich das Wochenende in einer Art Wachkoma verbracht habe.
Zunächst ist zu erwähnen, dass ich neue Teller gekauft habe. Um zu verstehen, warum mich das so in Hochstimmung versetzt, muss ich wohl noch das "Drumherum" erklären. 
Für uns als Hausgemeinschaft ist wohl das allabendliche gemeinsame 6-Uhr-Abendessen einer der wichtigsten Bestandteile. Ein Moment des Tages in dem sich - im Idealfall - das ganze Haus zusammen am Tisch versammelt und gemeinsam zu Abend isst. Es kommen auch regelmäßig viele Menschen (Freunde, Freiwillige, Gäste der Bewohner) zu Besuch, die Mitessen. Und so ist es vor kurzem zum ersten Mal nach einer gefühlten Eeeeeewigkeit soweit gekommen, dass wir zu wenig Teller hatten. Grund? Unsere Hausgemeinschaft ist während des letzten Monats wieder gewachsen, und zwar um 3 neue Gesichter aus dem Sudan, Nordkorea und der Dominikanischen Republik! Ist doch eigentlich ganz normal in so einem Auffanghaus - Menschen gehen, neue ziehen ein.  Doch seitdem ich hier bin, sind nur Menschen ausgezogen, kamen ins Gefängnis oder verschwanden einfach spurlos. Zudem hatten wir dann viel zu lange zwei bis drei leere Zimmer, die mich mit jedem Tag mehr deprimierten.
Nun, mit den neuen Tellern habe ich ein handfestes Zeichen, dass es weitergeht, vorangeht. Das Haus ist voll und lebendiger, und das Gefühl, endlich wirklich wieder so vielen Menschen wie möglich Unterkunft zu bieten und zu helfen, ist unglaublich zufriedenstellend.

Detentiecentrum Rotterdam
Aber wie man sieht ist die Geschichte von den Hausbewohnern in Gefängnissen doch noch nicht zu Ende erzählt. Einen Monat, nachdem sie bei uns ausgezogen ist, wurde eine ehemalige Hausbewohnerin gefangen genommen und ins Abschiebegefängnis Rotterdam gebracht - da sitzt sie nun schon 2 Monate. Rechtlich gesehen dürfte sie das gar nicht. Doch wer interessiert sich schon für das Recht der (beinah) Rechtlosen?
Jedenfalls hat mich das nicht, wie beim ersten Mal, total aus der Bahn geworfen. Komisch, wie schnell man sich an diese Dinge gewöhnt, bzw. gewöhnen muss. Mit meinem Kollegen habe ich sie also letzten Mittwoch besucht. Für Besuche ist dieses Gefängnis eindeutig nicht ausgerichtet. Es ist mit dem öffentlichen Verkehr kaum zu erreichen, ab dem Rotterdamer Flughafen muss man selber schauen, wie man zu diesem abgelegenen, riesigen, schwarzen Zellenkomplex kommt. Und wenn ich riesig sage, meine ich riesig - kein Vergleich zu Schiphol!


Das neue, moderne Gebäude bietet Platz für rund 500 Gefangene. Technik und Ausstattung auf dem neuesten Stand, überflutet mit Sicherheitskräften, penibel sauber. Nach einer vergleichbaren Sicherheitskontrollen-Prozedur wie in Schiphol kamen wir in den Besuchsraum. Hier sind Gefangene und Besucher durch eine architektonische Meisterleistung voneinander getrennt, man sitzt auf festgeschraubten Metallhockern.
Eine Stunde konnten wir dann mit ihr reden, unter den Augen der kaum 3 Meter entfernten Security, die alles mithören konnten, wenn sie wollten. 
Es war gut, sie zu sehen. Zu sehen, dass sie stark ist. Ich denke, ich werde sie auch noch einmal besuchen. Aber vielleicht sollte ich auch noch einmal über die Worte einer anderen Haubewohnerin nachdenken: "You're spending way too much time in prisons, don't you think so?"
Ja, possibly. Auf der anderen Seite ist das doch das Einzige, was ich in dieser Hinsicht tun kann. Warum man jedoch so ein großes Gebäude - das eindeutig für längeren Aufenthalt von Gefangenen ausgerichtet ist - nur für Menschen baut, die man eigentlich sowieso nicht da haben will, muss mir nochmal jemand erklären. Die bizarre Immigrationspolitik der Niederlande kommt hier jedenfalls deutlich zum Ausdruck.

Happy End 
Am Samstag waren wir bei einer ehemaligen Bewohnerin auf Besuch in Utrecht. Sie hat mit ihrem 1jährigen Sohn eine Aufenthaltsgenehmigung bekommen und jetzt auch ein eigenes Haus gefunden und bezogen. Sie hat den Kampf, nach 6 Jahren in den Niederlanden, endlich gewonnen. Es ist so gut, auch mal das Happy End einer Geschichte zu sehen und mitzuerleben. Ganz nebenbei habe ich 4 kleine Geschenke aus meiner Sinterklaas-Überraschung für sie, im Haus wiederentdeckt. Ich scheine also ihren Geschmack getroffen zu haben, yay! :) (siehe Blogeintrag über Sinterklaas)

Niederländisch vs. Spanisch
Mit der Ankunft unserer Dominikanerin wurde mein Spanisch wieder gefordert. Ha, denkste! Niederländisch vs. Spanisch - 1:0. Da lernt man eine Sprache 5 Jahre lang, beendet das ganze mit einer guten Abitursklausur und jetzt wo's darauf ankommt, herrscht in meinem Hirn nur noch eins:  Niederländisch. Ich hab mich schon selber ausgelacht, bei dem Gedanken daran, wie lächerlich sich mein Sprachmix mit deutlichem Hang zum  Niederländisch für unseren neuen Gast wohl anhören musste. Mein Englisch ist wohl auch etwas abgestumpft, aber diese beiden Sprachen können in meinem Hirn einfach nicht koexistieren. Es erfordert echt Höchstleistung und noch deutlich mehr Training, Spanisch in meinem deutschen Hirn ins Niederländische zu übersetzen. Jetzt, nach einer Woche, kommt mein Spanisch langsam wieder, nur bin ich jetzt leider wieder auf der verzweifelten Suche nach meinem Niederländisch-Wortschatz. Zum heulen ist das. Dennoch dient es der allgemeinen Belustigung, wenn ich irgendwann sprachtechnisch so durch den Wind bin, dass ich mit meinen Kollegen Englisch, unserer Dominikanerin Deutsch, den Äthiopiern Niederländisch rede, und mich dann selber später frage, wie man jetzt eigentlich afwasbak auf Deutsch sagt (Ich weiß es übrigens immer noch nicht.)

Mittendrin
Außerdem kommt jetzt mit dem vollen Haus auch wieder mehr neue Arbeit auf mich zu. Darüber hinaus habe ich die Möglichkeit, mehr Ideen zu verwirklichen und wirklich intensiv mit den Bewohnern zu arbeiten, z.B. Stellensuchanzigen zu verfassen oder mit ihnen den Sprachlerncomputer der Bibliothek auszuprobieren. Außerdem habe ich unsere Dominikanerin mangels Kollegen ganz alleine instruiert. Sprich, ich kann nun wirklich behaupten, es läuft und mir bieten sich nun viele Möglichkeiten, intensiv mit den Bewohnern zu arbeiten und Ideen zu verwirklichen. Und mit dem kommenden warmen Wetter kanns nur noch besser werden.
Im Moment ist hier aber ein Sturm schon den dritten Tag am wüten, von dem selbst die windgewöhnten Niederländer bemerken mussten: "Ordentliches Lüftchen!". Dieses Lüftchen haut mir mit aller Regelmäßigkeit beim Fahrradfahren meinen Mantelkragen ins Gesicht, ohne dass ich da irgendwie was dran ändern könnte, und weht 1jährige schon mal einfach so von den Füßen. Meine Sehnsucht nach Frühling und Sommer wird größer.

Halbzeit
Aber damit auch meine Unruhe, wenn ich daran denke, dass schon fast die Hälfte meines Freiwilligendienstes vorbei ist. Wenn ich daran denke, dass ich hier in einem halben Jahr einfach so weg soll, wird mir ehrlich schlecht. Sechs Monate, was ist das schon? Die vergangenen sind nur so an mir vorbei geflogen und kaum fühlt man sich echt angekommen, muss man sich schon wieder fast aufs Gehen vorbeireiten. Eins steht für mich jetzt schon fest, ein Jahr ist zu kurz. 
Nur wirklich was dagegen machen kann ich nicht, während in diesen Wochen meine Nachfolgerin ausgewählt wird. 
Aber noch sind es ja sieben Monate und ich werde versuchen, nicht zu sehr an den Abschied zu denken. 
Dennoch spiele ich mit dem Gedanken, hier in den Niederlanden zu studieren.
Que será, será. We zullen zien.